
Dialog im Dunkeln
Da stehe ich nun, um mich herum Lichtlosigkeit. Nicht nur ein bisschen dunkel, sondern so richtig schwarz. Nicht einmal ein winziger Lichtfleck irgendwo. Zur Orientierung habe ich nur einen weißen Stock, der meine Augen ersetzt, und das, was mir meine übrigen vier Sinne mitteilen. Meine Füße suchen ängstlich nach Halt, die freie Hand tastet ins Leere. Die Augen pochen schmerzhaft in ihren Höhlen, bei dem Versuch wenigstens irgendetwas zu sehen. Vergeblich.
Meine fünf Kollegen sind genau so still wie ich. Sicherlich versuchen auch sie sich verzweifelt zu orientieren. Niemand sagt etwas. Ich habe nicht die leiseste Ahnung, ob überhaupt noch jemand da ist.
Ich fühle mich verlassen.
Einsam.
Hilflos.
Es ist, als würde ich nicht mehr existieren.
„Hallo? Wo seid ihr?“, krächze ich unsicher.
„Ich stehe auf einer Brücke.“
„Ich an einem Busch.“
„Ich bin neben Dir!“
Eine Hand tastet nach mir.
Ich bin nicht mehr nicht allein.
Wir sind bei „Dialog im Dunkeln“. Für zweieinhalb Stunden, mit einer kleinen Gruppe und einer „wirklich blinden“ Trainerin – eingesperrt in einer Art „Hindernisparcour“. Ein Abenteuerspielplatz ohne Licht. Zu Gast im „Dialogue Training Center“ der Allianz Global Investors, in München.
Zuerst durchqueren wir einen Wald. Das verrät mir meine Nase. Da steht mir ein Baum im Weg, dort stoße ich mir das Schienbein an einer Parkbank. Dann falle ich fast über ein Vogelhaus. Ich komme mir vor, wie ein kleines Kind, das laufen lernt. Wir sollen unseren Kollegen die Dinge zeigen, die wir entdeckt haben. Ich lotse Vera mit stetigem Plappern zu mir. Zeige ihr die Blockhütte, die ich gerade entdeckt habe. Oder, was ich für eine Blockhütte halte. Vielleicht ist es auch nur ein Holzstapel. Ich habe nicht die geringste Ahnung.
Dann müssen wir eine verkehrsreiche Straße überqueren. Zum Glück ist die nur simuliert. Ich habe das Gefühl, ich würde sonst unter dem nächsten Auto enden. Das Geräusch der sich nähernden Straßenbahn lässt trotzdem meinen Atem stocken. Meine Beine bewegen sich nicht mehr. Ich schwitze. Warum ist normales Laufen plötzlich so anstrengend?
Nach gefühlten 10 Minuten haben wir die Straße endlich hinter uns gelassen.
Mit der Zeit finden wir uns in der Dunkelheit besser zurecht. Unsere Sinne wachen langsam auf. Die Trainerin stellt uns immer schwierigere Aufgaben, welche die Kommunikation in unserer Gruppe auf die Probe stellen. Wie beschreibe ich meinen Kollegen eine geometrische Figur, die ich in meinen Händen halte? Wie können wir die Teile vergleichen, ohne sie dem anderen in die Hand zu geben? Wie liest man einen dreidimensionalen Bauplan, bei dem man nicht weiß, wo unten und oben ist? Wie bildet man aus einem Wust von zwanzig „Magnetbuchstaben“ sinnvolle Worte, wenn man sie nicht sehen kann?
Nach zweieinhalb Stunden müssen wir wieder ins Licht.
Ich habe viel gelernt. Aber drei Dinge bleiben mir ganz besonders im Gedächtnis haften:
- Ich kann mich auf meine Kollegen verlassen, auch wenn es schwierig wird.
- Wir können Dinge schaffen, die wir für unmöglich halten.
- Wer nichts sagt, existiert nicht!